Die richtige Erziehung
Im Hundeforum streiten sich die Mitglieder wieder mal um Hundeerziehung. Was tun, wenn Köti nicht freudig hechelnd und meinen Blick suchend neben mir hertrottet, sondern sich ganz plötzlich auf macht, um da hinten am Horizont was erheblich Interessanteres zu erforschen?
 
„Ignorieren und nur die positiven Seiten des Hündchens belohnen!“ ereifern sich die Romantiker und ich stelle mir vor, wie ich einfach an dem Mensch mit weißem Anzug, den mein Dreckpfützegebadeter Max gerade auseinander nimmt, vorbeigehe mit Blick auf den wunderschönen Sonnenaufgang. Der Gedanke erscheint mir irgendwie absurd, und ich verwerfe diesen sofort, da Anzugmensch sich gerade vor meinem geistigen Auge zu voller Größe aufbaut, um mir den Tag zu vermiesen.
 
„Den Hund zurückholen und den Befehl wiederholen – kommt er, loben und Schleckerli!“ lassen die romantischen Eingreifer verlauten. Vor meinem geistigen Auge lasse ich den Sonnenaufgang ungewürdigt und zerre Hundi von dem Anzugmenschen weg, hin zum Ausgangspunkt. Ich lasse Hundi los… und gerade, als sich Anzugmensch wieder aufrafft, rast Hundi nochmals hin, um ihn nur fast umzuwerfen, denn der Wiederholungspfiff von mir holt ihn von der nicht mehr ganz so weißen Oberfläche des Anzugs zurück, so dass nur noch ein paar weitere Spratzer Pfützendreck in Kniehöhe des Anzugs zu sehen sind. „Das zweite Mal hat’s doch prima geklappt!“ sage ich noch zum Anzugmenschen, und „Oh Max, einfach super haddu das gemacht!“ Die zusammengekniffenen Augen und der zitternde Mund des Anzugmenschen lassen jedoch nichts Gutes ahnen.
 
„Einen aversiven Reiz auf den Hund ausüben, den er mit seinem Handeln verknüpfen kann“, flöten die Gebildeten und ich schaue erst mal im Lexikon nach, was „aversiv“ so alles anrichten kann. Also mehr oder weniger dem Hund in den Hintern treten. Ich begebe mich also an den Ort der Tat, hin zu meinem Hündchen, gebe ihm einen körperlichen Rüffel und sage mit fester Stimme: „Du böser Hund!“ während Max dem Anzugmenschen in der Pfütze das Gesicht abschlabbert. „Ich werde Sie anzeigen, Sie…..“, zischt der Anzugmensch zu mir herauf und ich verwerfe die Sache mit den aversiven Reizen.
 
Die Radikalen sprechen von „Objekterfahrung“. Und dass es darum ginge, im entscheidenden Zeitraum eine Objekterfahrung zu setzen, bei der der Hundeführer nicht direkt zugegen ist. Ich überlege kurz, was das nun wieder heißt, und stelle mir vor, dass Hundi kurz vor dem Sprung an den blütenweißen Anzug die 10.000 Volt verpasst bekommt und der Anzugmensch einen Herzinfarkt erleidet. Ein scheußlicher Gedanke…
 
Die Intellektuellen diskutieren über „positive Strafe und negative Belohnung“ und ich bin nun endgültig verwirrt, bemerke ein leises Pochen in meinen Schläfen und verlasse das Forum und mein Laptop, um mich meinem geliebten Hund zuzuwenden, der von all dem nichts ahnt und mir freudig wedelnd die zerknatschte, zugesabberte Socke bringt, um endlich unseren morgendlichen Streifzug durchs Revier anzutreten.


 
Es regnet in Strömen und ich bin erleichtert, weil ich mir sicher bin, dass im Matschwald heute kein Mensch mit einem blütenweißen Anzug anzutreffen ist.

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