Geruch
Es ist Anfang September und der Herbst hat bereits sein kaltes Händchen über das Land gelegt.



Nicht meine Nase, nicht meine Augen, sondern meine lädierte Bandscheibe und meine alten Knochen bestätigen mir dies ohne jeden Zweifel.
 
Also bin ich wieder im Ganzkörperkondom unterwegs, mit zwei Paar Hosen, Pulli, Jacke und Anglerponcho, Gummistiefeln wegen des morgendlichen Taus und meinen zwischenzeitlich geliebten Walking-Sticks, damit mein Kreuz die vielen Kilometer heil übersteht.
 
„Bewegung ist Alles!“ sagt mein Hausarzt und ich frage mich, ob in 20 Jahren die Wissenschaft feststellt, dass es die viele Bewegung war, die mich ins Grab gebracht hat.
 
Irgendwie habe ich den Sommer verpasst. Der Winter war so hart und lang, der Frühling ist dieses Jahr einfach ausgefallen. Und dann die paar Wochen absoluter Hitze bei seit Jahrhunderten nicht gemessenen Temperaturen war ich meist im Hause während draußen mein Garten verdörrte und die Menschen in den modernen Zügen der Bahn umfielen wie die Fliegen, weil selbst die Klimaanlagen eine solche Hitze nicht vorausahnen konnten.
 
Aber ganz plötzlich, von einem Tag auf den anderen ist es kalt geworden und regnerisch. Die ersten Pilze haben sich aus dem Boden gebohrt, weil sie da unten im Boden nicht ersaufen wollten und Max schleicht schon um die Apfel- und Birnbäume.
 
Heute waren wir wieder mal in unserer Exklave „Salzbödener Land“, ein herrlicher Flecken Erde. Sofort stellt Max’ Nase fest, dass die Anderen sich bereits angeschickt haben, SEIN Revier zu übernehmen und den Mogo zu machen. Das muss er natürlich verhindern und mit lautem Groll steckt er erneut die Grenzen ab und lässt verlauten, dass das Tal ihm gehört. Unverschämtheit aber auch – kaum ist man nur eine Woche weg … und schon …
 
Nun ist die Zeit, in der wieder die Hündinnen läufig werden und die Rüdenbesitzer mir ihr Leid klagen. Aber auch die Besitzer der Hündinnen klagen, dass sie von sabbernden Rüden belästigt werden. So bilden sich zwei Fraktionen von bissigen Menschen, während ihre Hunde doch einfach nur bumsen möchten…
 
 
Fast liebevoll taucht Max seine Nase in einen Grassbüschel, er lässt sich sehr viel Zeit, prüft und schnuffelt, schlabbert zärtlich über den gefundenen Duft, schmeckt mit geschlossenen Augen noch mal nach … ja, DAS ist sie, die Dame, die ihn empfangen möchte…
 
Die Nase ist Max’ Augenlicht.
 
Sie ist sein Wertesystem und der stärkste Sinn an dem ganzen Hund. Ein einziger riesiger Nervenstrang, so dick wie ein Gartenschlauch führt von der Nase direkt in Max’ Seele. Er glaubt’s nicht, wenn er’s nicht riechen kann.
 
Selbst, wenn er den bekannten Menschen klar sieht, so muss er doch erst mal mit der Nase prüfen, ob es auch tatsächlich der Mensch ist, als der er sich ausgibt. Die Nase täuscht ihn niemals!
 
Die Nase sieht das Reh im Dickicht, die Nase sagt ihm das Geschlecht, das Alter und den Gesundheitszustand der Wesen um ihn herum und sie urteilt über das Haltbarkeitsdatum seiner Nahrung, lange bevor der unterentwickelte menschliche Riechkolben diese Dinge überhaupt nur ahnen könnte.
 
Sie teilt ihm mit, dass wieder mal ein Kontrahent im Revier war, wie stark er ist und wann er vorbei kam oder etwas Erfreulicheres über ein nettes Hundemädel. Sie sagt ihm, dass Füchse und Katzen sich mit Sicherheit nicht von Grass ernähren und somit Nahrungskonkurrenten sind.



 
 
„Die stinken scheußlich!“ sagt die Kassiererin beim Rewe-Markt. „Trotz der Verpackung! Ich kann das gar nicht riechen, richtig eklig!“
 
 „Ja, das is’es, genau das Richtige für Max“, denke ich mir und lächle freundlich.
 
„Na, wie viele Jahre gibt du mir noch?“, frage ich meinen Hund jedes Mal, wenn er an meiner Markierung im Wald riecht.
 
Er schaut dann immer so mitleidig zu mir herauf, dass ich ins Grübeln komme…
 
Ist im Haus Geruch
So ist das meist der Götterfluch
 
(einzig überlieferte Inka Bauernregel)
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Der Mensch am anderen Ende der Leine
 
Tiere suchen ein liebevolles Heim
 
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